Er war einer der ersten „Stars“ im estnischen Fußball – gefeiert und ermordet

Die Geschichte des Eduard-Vilhelm Ellmann ist eine die stark mit der russischen Geschichte verbunden ist.

Geboren wurde er am 7. April 1902 in St. Petersburg, als zweites Kind einer neunköpfigen Familie. Vier der sieben Geschwister starben schnell, nur er, ein älterer Bruder und eine jüngere Schwester überlebten. Noch als Kind zog die Familie Ellmann nach Tallinn (Estland). Wie Ellmann selbst zum Fußball kam, darüber läßt sich spekulieren. Wohl einen Einfluss dürften die zwei ersten Teams des Landes Meteor Tallinn und Merkuur Tallin gehabt haben. Beide bestritten 1909 das erste offizielle Fußballspiel des Landes. Meteor gewann mit 4:2. Das Team kam aus dem Stadtteil Lasnamäe, in dem auch Ellmann aufwuchs. Im Alter von 17 Jahren trat Ellmann dem Jalgpalliklubi Tallinna Kalev bei. Der Verein ist nach dem Held des Nationalepos benannt.

Mit 19 debütierte er in der Nationalmannschaft. Sein Debütspiel war das zweite Spiel der estnischen Nationalmannschaft und das erste Heimspiel überhaupt. Gegner auf dem Tiigiveski-Platz war Schweden, das nicht in seiner stärksten Aufstellung nach Tallinn kam. Ein großer Teil des Publikums soll sich auf dem Friedhof neben dem Platz versammelt haben. Angeblich wurden 175 Gräber dabei zertrampelt. Das Spiel endete mit 0:0, was das erste Unentschieden der estnischen Mannschaft bedeutete. Sein wichtigstes und größtes Spiel der Nationalmannschaft-Karriere fand 1924 statt, als die estnische Fußballmannschaft zum ersten und zum letzten Mal an den Olympischen Spielen teilnahm. Estland traf in der Auftaktrunde auf die USA und verlor per Elfmeter mit 0:1. 

 

Trotz der verpassten Weltmeisterschaft wurde Ets im August 1933 zum ersten Spieler mit einem „goldenen Länderspiel“ in Estland. Estland besiegte Lettland in Ellmanns 50. Spiel im Kadriorg-Stadion mit 2:1. In der Pause stellten sich beide Mannschaften vor Anpfiff vor dem estnischen Staatschefs Jaan Tõnisson auf. Vertreter des estnischen Fußballverbandes überreichten Ellmann einen Eichenkranz. Die Kollegen nahmen den „goldenen Nationalspieler“ in die Arme und trugen ihn unter Applaus des Publikums auf die Tribüne. Dann betrat der Jubilar den Kopf der Loge, wo er Tõnisson vorgestellt wurde. Tõnisson schüttelte Ellmann herzlich die Hand und gratulierte: „Viel Glück zu deinem großen Jubiläum! Du spielst immer noch so gut wie ein junger Mann!“

Als Anmerkung sei erwähnt, dass das festliche estnisch-lettische Spiel nach modernen amtlichen Statistiken Ellmanns 49. Länderspiel war, und noch vor seinem 50. Spiel machte Eugen Einmann sein 50igstes. Für Zeitgenossen war Ellmann allerdings noch der erste goldene Nationalspieler.

Insgesamt bestritt Ets 60 offizielle Nationalmannschaftsspiele und damit die drei meisten hinter Evald Tipner (66) und Eugen Einmann (64) in der Ersten Republik. Ets war jedoch der beste in Bezug auf erzielte Tore – 21. Indrek Zelinski teilte den Rekord erst im März 2002 mit Ellmann und wurde zwei Monate später alleiniger Rekordschütze, als er gegen San Marino seinen 22. Treffer erzielte. 

Ellmann erzielte bei den baltischen Turnieren sechs Tore. Vor dem Zweiten Weltkrieg war das Baltische Turnier ein sehr wichtiger Wettbewerb, da es noch keine Europameisterschaft gab und nur wenige WM-Qualifikationsspiele, von denen das erste erst 1933 stattfand. 

Im Vereinsfußball wurde Ets mit drei verschiedenen Vereinen (Kalev, TJK, Estland) fünfmaliger estnischer Meister (1923, 1926, 1928, 1934, 1935).

„EE hat allen – sowohl den anderen Spielern als auch dem Publikum – gezeigt, was er auf dem Fußballplatz mit Ausdauer, unbeirrbarem Willen und gesundem Menschenverstand leisten kann. EE hatte zu Beginn seiner Fußballkarriere keine besonderen körperlichen Voraussetzungen, um es zu einem unserer besten Fußballer zu schaffen.“

Journalist Oskar Lõvi über Ellman. Ets war nur 174 cm groß und wog 68 kg

Der private Eduard Ellmann

Wie in so vielen Ländern gab es auch im estnischen Fußball zu der Zeit kein Profitum, entsprechend musste sich Ellmann mit verschiedensten Jobs durchschlagen. Mal war er Schlosser, mal arbeitete er in der örtlichen Schokoladenfabrik im Lager oder als Fahrer. Von 1935 bis 1940 war er „Agentenfahrer“ bei der politischen Polizei, oft fuhr er den Präsident Konstantin Päts. 

1937 wurde ihm das Eiserne Kreuz des Adlerkreuzordens für seine friedliche Liquidierung des Aufruhrversuchs vom Dezember 1935 verliehen. Was genau das für ein Aufruhr war und welche Rolle er da spielte, ist mir unklar. 

Ellmann heiratete im November 1928 Magda-Eris. 1938 wurde ihr gemeinsames Kind geboren. Ein Jahr später starb seine Frau an Brustkrebs. Eduard Ellmann heiratete erneut. 

Verhaftung und Erschießung

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Während der sowjetischen Besatzung im Juni 1941 wurde Ellmann während einer Hausdurchsuchung verhaftet.

Das Gericht stellte fest, dass er als Unteroffizier in der estnischen Weißen Armee und als Agent der politischen Polizei diente und mit einem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde. Folglich stellte das Gericht fest, dass Ets aktiv gegen die revolutionären Aktivitäten und die Kommunistische Partei kämpfte, und verurteilte den Angeklagten zu Tode.

Ets legte Berufung gegen das Urteil ein und begründete es folgendermassen:

„1. Ich diente als Teilzeitsoldat in der estnischen Armee, die später Teil der Roten Armee wurde, und daher konnte mein Dienst nicht konterrevolutionär sein.

2.Während meines Dienstes bei der Polizei hatte ich keine anderen Aufgaben als die eines Fahrers, bei denen ich auf Fahrten von bis zu 48 Stunden und mehr am Stück unterwegs sein musste.“

Natürlich wurde dem Einspruch nicht stattgegeben und Eduard Ellmann wurde am 16. November 1941 im Kirov-Gefängnis hingerichtet.

Die Fotos stammen aus den Privatsammlungen von Find Relatives und Kuldar Pajula, weitere Informationen stammen aus den Privatsammlungen von Verwandten, alten Zeitungen (Eesti Spordileht, Postimees, Päevaleht, Sakala, Uudisleht, Vaba Maa) sowie Fußballbüchern (M. Luik „100 Jahre estnischer Fußball“, L. All „Fußball. Von der Vergangenheit bis zur Gegenwart“, M. Karmos „Wabariigi vutength“, I. Schwedes „Kleine Fußballbibel“). Der Text ist im Orginal noch etwas ausführlicher von KRISTJAN REMMELKOOR (soccernet.ee)

 

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